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Die letzten Desperados vom Rio Ebro


 

Martin Sack

03.10.2006

 

Reisebericht Rio Ebro 2006

… die letzten Desperados vom Rio Ebro

 

Die Vorgeschichte

 

An die 200km Gewässerstrecke in unberührter Natur, unbegehbare Ufer, Stromschnellen, Felsklippen und ein Haufen logistischer Herausforderungen. Akribisch fing ich bereits ein Jahr vor meinem Trip mit der Planung an, nichts sollte dem Zufall überlassen sein. Mit Oli vom Camp Slowik fand ich einen sehr hilfreichen Ansprechpartner, welcher im Vorfeld die meisten Fragen klären konnte. Bis auf die von mir lange gesuchte Begleitperson für die 18 Tage Angeln hatte ich alles zusammen für meine Tour 2006 an den Rio Ebro!

 

Die Anreise: Augen zu und durch

02.- 03.09.2006

 

„Ok, ich muss dann mal nach Spanien.“ Nachdem ich noch von meinem Bruder zum Essen eingeladen wurde, setzte ich mich in meinen voll beladenen Twingo und trat meine 2000km lange Reisestrecke an. Start um 17Uhr. Die ersten Stunden Fahrt zum Eingewöhnen, nicht weiter drüber nachdenken und durchhalten. Coole Mucke und immer was leckeres zum Naschen in der Kühlbox. Die Vegetation wurde mediterraner, bei Sonnenaufgang war das Mittelmeer in Sicht. Hatte man sich erst mal darauf eingestellt, fuhr es sich recht bequem. Grenzübergang, Barcelona, der Ebro kam in greifbare Nähe! Autobahnabfahrt, noch 8km bis Mequinenza. Ich freute mich auf einen leckeren Snack bei „Josela“, dem Ebro-Imbiss. Mist, wir hatten Sonntag, alles war geschlossen. Ich rief Oli an und warte in der „Bar Ebro“ auf ihn. Lizenzen, Schlüsselübergabe, Apartment mit Tiefgarage, Aufzug, Bootseinweisung, Köderfischbecken, Angelspind. Ich versuchte angestrengt die Vielzahl der neuen Schlüssel nicht zu verwechseln. Schnell bezog ich mein Apartment und kramte meine Ausrüstung zusammen. Ich konnte das Boot schon am Anreisetag benutzen. Es war 14 Uhr. Lufttemperatur 38°C und kein Windzug. Ich war allein am Steg, vor mir lag der Riba-Roja-Stausee. Schnell erinnerte ich mich wieder an den Unterschied zwischen Planung und Realität. Als erstes mussten Köderfische her, dann wollte ich das Boot bei der ersten Testfahrt wallertauglich einrichten. Kurz vor dem Schilf erwischte ich nur Lauben und ein handlanges Rotauge. Der Schweiß lief mir von der Stirn. Das musste reichen. Also auf zur Pumpstation, der Angelstrecke vom letzten Jahr. In einer Bucht tummelten sich Laubenschwärme, ich Klopfte eine halbe Stunde und hakte sofort den ersten Fisch auf Laubenbündel. Leider stieg er nach kurzer Zeit wieder aus. Vier Bisse später waren meine Köderfische aufgebraucht, ich fuhr nach zwei Stunden angeln wieder zurück. Das sollte erstmal reichen, ich freute mich auf die Dusche und das Bett.

 

Tag 1: Ein Waller zum Auftakt

04.09.2006

 

Endlich hatten die Geschäfte wieder geöffnet, ich deckte mich mit Futter und Maden ein. Über Mittag fuhr ich an eine Stelle, an der es immer gute Rotaugen gab und füllte schnell meinen Setzkescher. Dann ging es wieder an die Pumpstation. Zwanzig Minuten Klopfen, auf dem Bildschirm stieg ein Balken zu meinem Köder auf, es ruckte an der Schnur, Anhieb, kurzer Drill und Handlandung. Der erste Waller von 140cm lag im Boot. Der Auftakt war getan! Die wirklichen Schwierigkeiten lagen aber noch vor mir. Der erste Fisch musste natürlich fotografiert werden. Also schraubte ich das Miniatur-Stativ an meine Kamera und positionierte den Sucher auf das Heck des Schiffes. Selbstauslöser drücken, schnell zum Fisch, möglichst seriös gucken und –klick- zu spät. Das Boot schwankte, das Stativ war nicht besonders standhaft, die Finger schleimig. Dann eben Foto ohne Kopf und das arme Tierchen schnell wieder schwimmen lassen. Hastig beköderte ich den Haken mit einem neuen Rotauge und Klopfte weiter. Es gab noch den ein

 

(Waller und Fotoversuch Nr. 1)

 oder andern Zupfer, dann frischte der Wind auf und das Angeln wurde erst wieder in der Nacht einfacher. Dennoch sollte es bis 24Uhr bei dem einen Fisch bleiben.

 

Tag 2: Ein neues Zuhause

05.09.2006

 

Den Rotaugen von gestern war die sommerliche Hitze nicht besonders gut bekommen. Ich stand wieder ohne Köder da und beschloss, in diesem Urlaub keine Zeit mehr mit Stippen zu verschwenden. Also bestellte ich bei Oli fix zehn Aale. Die waren in Spanien wie so ziemlich alle Köder verboten. Doch nur diese Viecher waren zäh genug, um sich problemlos auf dem Boot hältern zu lassen. Deshalb galt es zunächst einen geeigneten Aaldealer zu finden. Für Oli kein Problem. Allerdings 5€ das Stück. Aber das sollte sich als absolut lohneswerte Investition herausstellen. Oli gab mit sogar seine letzte Waschmaschinentrommel dazu, in welche ich die Aale steckte. Ich holte noch schnell aus dem Auto meine Wunderwaffe Driftsack und entfaltete den Schirm am Steg. Vermutlich wurde ich für einen Fallschirmspringer gehalten. Heute sollte alles perfekt laufen. Ich setzte zur ersten Drift an, schwang die Waschmaschinentrommel am Strick über die Bordwand und wurde gemächlich vom Driftsack gebremst. Der Wind konnte mir nun nichts mehr anhaben, die Wellen schlugen gegen den Bug. Dann riss das Seil, die Trommel samt 40€ Inhalt sank auf den Grund. Meinen Schrei konnte man bestimmt über den gesamten See hören. Nun gut, es ging mir dabei noch besser als den Aalen in ihrem neuem Zuhause. Immerhin waren sie nun vor den Wallern in Sicherheit. Ich hatte also wieder nur zwei Köder. Doch diese sollten für den ganzen Tag auch ausreichend sein, denn bis 24Uhr konnte ich keinen einzigen Biss verzeichnen. Nach nun mittlerweile 18 Stunden ohne Fisch kontaktierte ich Oli um gleich morgen Früh das Boot auf den Mequinenza-Stausee trailern zu lassen.

 

Tag 3: Zurück im Wallerhalla!

06.09.2006

 

Oli besorgte zunächst von seinem Dealer neue Aale, dann brachten wir mein Boot zur kleinen Steganlage an der Staumauer des Embalse de Mequinenza. Vor mir erstreckten

(175er Waller zum Auftakt am

Mequinenza-Stausee)

sich die tiefen Schluchten mit klaren, blauen Wasser. Schnell das Boot beladen und auf den See, wo meist ein angenehm kühler Wind wehte. In der ersten Bucht machte ich mein Gerät bereit. Auf dem Bildschirm zeigten sich die ersten Balken, doch nach zwei Stunden hatte sich noch kein Fisch für meine Köder interessiert. Ich wurde ungeduldig und bekam erste Zweifel. Wenn hier nichts ging, wo dann? Ich wollte es wissen und fuhr in die erste große Bucht 10km stromauf, wo es einfach Waller geben musste. Die erste Drift brachte einen Biss, bei der zweiten hakte ich einen, der leider nach kurzer Zeit wieder ausstieg und bei der dritten Drift drillte ich endlich einen guten Fisch von 175cm. Danach folgten zwei weitere Waller von 130cm und 122cm. Ich war zurück im Wallerhalla! Es wurde bereits dunkel und ich mein Glück weiter vor einer steilen Klippe, über welcher langsam der Vollmond aufging. Mein Echo zeigte drei

fette Balken, der oberste schoss nach oben und schlug an der Oberfläche direkt vor meinem Bug, der Fisch auf 5m nahm meinen Köder. Nach dem Anschlag zog mich der

Druck wieder in die Knie, die Bremse fing an zu laufen. Das war nichts Kleines. Der Fisch flüchtete weiter und drehte das Boot. Beim Versuch, mit einer Hand den Driftsack aus dem Wasser zu ziehen, löste sich der Haken aus dem Fischmaul. Wenige Minuten später das Gleiche noch mal mit einem kleineren Tier. Egal, es war ein gelungener Tag! Ich packte um 24Uhr meine Sachen, kramte meinen MP3-Player raus und genoss die Rückfahrt durch die dunklen Canyons.

(Aale sind lecker!)

 

(Embalse de Mequinenza)

 

Tag 4: Schlamm ist gesund

07.09.2006

 

Um 14 Uhr startete ich den Angeltag in der Bucht vom gestrigen Tag, nach kurzer Zeit hatte ich einen Waller vom 166cm im Boot. Das klappte ja super. Nun wollte ich natürlich auch ein paar chicke Fotos machen. Da die Versuche im Boot nicht erfolgreich gewesen

waren, hatte ich eine andere Idee: Ans Ufer fahren und die Kamera irgendwo auf einem Felsen positionieren. Gedacht, getan. Ich suchte mir eine kiesige Bucht und schwang mich mitsamt Waller über die Bordwand. Unter dem Kies war leider morastiger Schlick. Irgendwie auch nur an ausgerechnet dieser Stelle, wie sich später herausstellen

(Waller über Treibsand)

sollte. Ich versank mit Waller im Arm bis über die Knie und zog mich hastig wieder die Bordwand empor.Wieder im Boot angelangt maß ich meine Beute vom Boot aus, ein kurzes Foto musste genügen. Nachdem ich mich wieder von Schlamm und Wallerschleim befreit hatte, ging es weiter in der nächsten Bucht mit vier kleineren Fischen zwischen 90 und 110cm. Um 20Uhr baute sich eine Gewitterfront am Horizont auf und ich beschloss den Angeltag zu beenden. Also einpacken, Mucke rausholen und nach hause. Morgen würde es weiter gehen!

 

Tag 5: Pleiten, Pech und Pannen mit Routine

08.09.2006

 

(Völlig daneben)

 

(immerhin die Frisur)

Langsam spielte sich so etwas wie eine Routine ein: Um 10.30 Uhr aufstehen, Kühltasche packen, bei „Josela“ ordentlich voll futtern, Aale aus dem Becken holen, ab zum Boot am Steg und gegen 14Uhr mit dem Angeln starten. Nach kurzer Zeit bissen zwei Waller, ich wollte mal wieder

einen Fotoversuch starten. Vor dem Uferbereich hatte ich seit gestern Respekt bekommen, also baute ich wieder mein Stativ auf dem Boot auf. Nun ja, alles weitere

wäre nun wirklich reif für Pleiten, Pech und Pannen gewesen. Aber immerhin, es diente auch zu meiner Unterhaltung. Gegen Abend rührte sich nichts mehr, in der Nacht suchte ich wieder die Klippe vom ersten Tag auf. Wieder Biss und Drill vor super Kulisse mit Vollmond. Zwar nur ein kleiner von 120cm, aber gelungener Abschluss für den heutigen Tag mit dem „Ambiente-Waller“ meines Lebens.

 

 

 

 

 

(Und auch mal mit Fisch)   --->    

 

Tag 6: Die Rache des Wallers

09.09.2006

 

(Noch im Bild?)

Meine Aalvorräte leerten sich, der Dealer war noch unterwegs und ich wartete am Steg auf meine neue Ladung illegaler Köder. Am Steg fischte ein Vater mit seinen zwei kleine Söhnen und freute sich, wie sich die Beiden beim Drill eines Karpfens von knapp 20Pfd abquälten. Um 16.30 Uhr bekam ich endlich meine Ware und startete mit dem Auto zum Steg oberhalb der Staumauer. Heute wollte ich neue Strukturen testen und entschied

 mich für steile Felskanten, an denen das Wasser fast senkrecht auf über 30m abfiel. Zwischen 5 und 15m gab es viele Echos, bald hing ein 140er Wels am Haken. Der Wind frischte auf, der Driftsack bremste das Boot und trieb mich immer sauber an den Kanten

entlang. Es ruckte erneut an der Schnur. Der Fisch ließ sich nicht bewegen. Also schnell zur Drillposition am Bug, Driftsack einholen und gegen stemmen. Immer wieder wurde Schnur von der Rolle gerissen, der Fisch ließ sich erst nach einigen Minuten höher pumpen Das Boot trieb weiter in Richtung der Felsen, zwischen welchen sich ein versunkener Wald auftat. Das bekam mein

(Wer intelligenter als ein Fisch guckt, der Fängt. Manchmal hat man

aber auch einfach nur Glück.)

Gegner natürlich auch mit und nahm Kurs auf das Holz. Also keine Gnade und mit dem Finger die Trommel gefühlvoll abbremsen. An der Oberfläche zeigen sich Luftblasen, der Waller wurde schwächer und ließ sich im Mittelwasser ausdrillen. Als ich zur Handlandung ansetzte und das Tier im Boot lag wurde es ein wenig enger. Ein Fotoversuch musste natürlich sein, ich fuhr bis zum Ende der Bucht und fand eine Stelle mit festem Untergrund. Das Messen ergab 192cm, was für ein Fisch! Schnell den Fotoapparat in Position bringen. Mit schleimigen Fingern den Selbstauslöser drücken, ins Wasser zur Beute, anheben, seriöser Blick – klick- man steigerte sich langsam! Nach dem Modeltermin drehte ich den Waller sanft in die richtige Position und wartete bis er gemächlich durch das flache Wasser davon schwamm. Er machte einen großen Bogen, drehte um und kam wieder auf mich zu. Das arme Tier war wohl noch ein wenig benommen, ich streckte ihm meine Hand entgegen. Der Waller machte einen Satz aus dem Wasser und meine Hand verschwand in seinem Maul! Zum Glück hatte ich noch den Handschuh an. An einer Stelle war er aufgerissen, meine Hand blutete. Mit einem Grinsen zwischen den Barteln machte sich das Monster davon, während ich meine Haltung zum „Catch and Release“ neu überdachte….

 

Tag 7: Ein See für mich allein

10.09.2006

 

(Angeln in stiller Einsamkeit)

 

(Das Waller-Boot für den 1-Mann-Egotrip)

Es war wieder Sonntag und in zwei Buchten lagen weibliche FKK-Damen. Das sollte mich nicht davon abhalten meine verdächtigen Wallerkanten abzufischen. Auf einer Sandbank machte ich dann noch zwei Angler aus, die ihr Zelt aufgeschlagen hatten und, wie sich später herausstellte, es auf Waller abgesehen hatten. Für alle, die diesen Bereich aus Bequemlichkeit als „überfischt“ betrachten: Die Statistik „nackte Frauen“ zu Wallerangler lag damit nach fünf Tagen bei 2:1! Man hatte hier wirklich 20km Seestrecke so gut wie für sich allein. Ich konnte den ganzen Tag durchfischen und erwischte bis 24Uhr sechs mittelgroße Waller.

Tag 8: Die magische Grenze

11.09.2006

 

(Desperados vom Rio Ebro)

Am Bootssteg lernte ich Andy und Daniel kennen, welche es gestern auf der Sandbank mehr oder weniger erfolglos auf Köderkarpfen versucht hatten. Die Beiden waren hauptsächlich Karpfenangler, wollten auf ihrer 4-Wöchigen Europaangeltour einen kurzen Abstecher an den Ebro machen und waren über die vielen logistischen Herausforderungen erstaunt. Ich gab ihnen den Rat, sich an den Dealer ihres Vertrauens zu wenden und sich schleunigst Aale zu besorgen, welche hier mit Gold aufgewogen wurden. Zeit war eben Waller. Der Wind wehte den ganzen Tag über sehr stark, ohne meinen Driftsack hätte ich keine Chance gehabt. Aber die Wellen schienen die Beißlaune der Waller zu steigern.

Erst stürzen zwei mittlere Fische auf den Aal, dann kracht es gewaltig in die Rute. Gleiches Schauspiel wie schon zuvor. Drillen, pumpen, durchhalten. Der Fisch erschien an der Oberfläche. Als er keine Gegenwehr mehr zeigte, hievte ich das Kätzchen über Bord und steuerte auf eine geeignete Stelle zum fotografieren zu. Das Messen ergab 198cm! Der Waller lag ja noch etwas

gewellt im Wasser, also ließ ich den Fisch als den ersten 2m-Waller der Tour durchgehen. Wenig später zog wieder ein Gewitter auf, ich beendete den Tag um 21Uhr. War ja auch genug für heute!

 

 

 

(Ein 2-Meter-Kätzchen zum Schmusen)

 

Tag 9: Hilfsbereitschaft zahlt sich aus

12.09.2006

Heute wollte ich zusammen mit Andy und Daniel so richtig unter den Wallen abräumen. Die erste Bucht brachte auch gleich zwei Fische, das Klima war schwülheiß und die Wasserkatzen in bester Beißlaune. Die Temperaturen schien aber auch der „Guardia Civil“ zu Kopfe gestiegen sein, welche sich zielsicher mit vier Mann in einem roten Gummiboot meinen Kollegen näherten. Bevor sie wussten was los war, standen die Herrschaften in Grün schon in ihrem Boot, untersuchten Ausrüstung, Eimer, Motor und Papiere. Verdutzt musterte ich das Geschehen 100m vor mir und blickte in die Rohre eines Fernglases. Ok, erst einmal schnell die Aale vom Haken in den Eimer. Dann die Aale aus dem Kunststoffbecken hinterher und Deckel drauf. Mist, das waren acht Stück und 40€. Über Bord kippen oder drauf ankommen lassen? Mir kam eine bessere Idee. So unauffällig wie möglich schmiss ich den Motor an und tuckerte um eine Felswand in die nächste Bucht, bis ich vor den Fahndern außer Sicht war. Dann packte ich den Eimer mit der illegalen Ware, hastete den steinigen Abhang empor und versteckte ihn hinter einem Stein. Ich war froh, dass sich Hilfsbereitschaft im Leben doch noch auszuzahlen schien. Die „Guardia Civil“ erreichte mich eine Bucht weiter. „Agila! Agila!“ Die Jungs hatten wohl ein wenig zu viel „Miami Vice“ geschaut. Nun ja, ich war ja nun zum Glück völlig clean! Also meckerten sie noch ein wenig über Motor, Bootspapiere und fehlenden Perso, dann schossen sie wieder davon. Andy und Daniel wurden zum Glück auch nur verwarnt und mussten später 60€ Strafe zahlen. Aber was nun weiter tun? Die Antwort kam von oben. Ein heftiger Donnerschlag ließ mich in den finsteren Himmel blicken. „Aale schnappen und ab nach Hause!“ Die beiden düsten voraus, ich geriet in den Hagelsturm. Das Wasser drang durch meine Jacke, ich mied das offene Wasser und versuchte noch etwas zu erkennen. Als ich die Trailerrampe aus Sand erreichte und das Boot entlud, machten sich die Wassermassen aus den Bergen auf den Weg zu mir. Bald stand ich bis über die Knie in lehmbrauner Brühe. Das Wasser spülte metertiefe Rinnen in den sandigen Untergrund. Zum Glück hatte ich mein Auto sicher geparkt. Der Twingo suchte sich den Weg durch Wasser, Sand und Felsen auf der Straße. Wenn das mal kein richtiges Gewitter war!

Tag 10: Vom Pech verfolgt

13.09.2006

 

(Trockenübung ohne Fisch)

 

(In jeder Lagune ein kleines Monster)

Heute traf ich mich schon um 9Uhr mit Andy und Daniel am Steg. Sie hatten ihre Aale von gestern behalten dürfen. Leider waren sie über Nacht zum zweiten Mal den Strapazen erlegen. Die Beiden hatten aber auch einfach nur Pech. Also wollte sie es mit „Plomp-Teasern“ probieren, so einer Art Gummikrake. Die Wassertemperatur war gesunken, es dauerte bis zum Mittag bis die Waller wieder Freude am Beißen zeigten. Natürlich wollten sie nur die illegalen Köder, ich konnte bis zum Abend drei Fische überlisten. Um 20Uhr zog dann Gewitter Nr.4 auf. Nach den Erfahrungen des gestrigen Tages traten wir vorsorglich die Heimreise an. Andy fand noch eine alten Wobbler und fing darauf einen Waller von 130cm beim Schleppen zum Steg.

Tag 11: Waller im Sturm

14.09.2006

Es hatte die ganze Nacht über geregnet. Am Morgen war es empfindlich kalt, es tröpfelte immer noch aus den grauen Wolken. Die Temperatur war nun von anfänglichen 38 auf 20°C gesunken. Ich saß bei „Josela“ und zwang mich gegen 15Uhr den Weg zum Angeln anzutreten. Vorher kaufte ich mir jedoch noch eine neue Regenjacke, die ich über meinen Ski-Pulli streifte. Auf dem Wasser angekommen fühlte ich mich wie auf der Ostsee. Die Waller stiegen nur sehr zögerlich einige Meter auf. Mit viel Konzentration und Geduld konnte ich dennoch einen 165er an den Köder locken.

(Räuber der Nacht)

 

Andy war auch trotz widriger Bedingungen erfolgreich und konnte auf seinen letzten Karpfen einen Fisch von 183cm landen. Danach probierten es die Beiden weiter mit Tintenfischen, welche aber ignoriert wurden. In der Nacht gab es vor meinem Boot einen Schwall an der Oberfläche. Ich peilte die Stelle an, ließ den Aal ins Wasser und – rums! Mein Gegner nutzte die kurze Leine, um unter dem Boot ein Affentheater zu starten. Nach hartem Drill zeigte sich ein fettes Kätzchen mit leuchtenden Augen im Licht meiner Stirnlampe. Ich setzte gekonnt zum Wallergriff an, das Boot senkte sich beträchtlich und -zack- fand ich mich irgendwie im Wasser wieder! Mit einer Hand an die Bordwand, mit der anderen die Rute fassen. So schnell ich drin war, zog ich mich auch wieder raus. Beim zweiten Landungsversuch erging es dem Waller (aus seiner Sicht) wie mir und wurde ins Trocken befördert. Da ich nun schon ohnehin bei winterlichen Temperaturen nass war wollte ich auch ein paar schöne Fotos schießen. Zum Glück waren mir meine beiden Begleiter dabei behilflich. Endlich hatte ich gute Bilder! Das Messen ergab schließlich 187cm. Ein toller Abschluss für die Mequinenza-Stausee-Klopfetappe und diesen Tag unter schlechtesten Bedingungen. Da die Beiden morgen weiterziehen wollten, musste nun erst einmal so richtig gefeiert werden. Zu diesem Anlass startete in Mequinenza ein 6-Tägiges Volksfest, auf welchem wir von ein paar Spaniern auch reichlich mit „San Miguel“ versorgt wurden…

Tag 12: Die Verstärkung trifft ein

15.09.2006

Ich quälte mich aus dem Bett und traf Frank bei „Josela“, welcher mich die letzten 7 Tage unterstützen wollte und aus Deutschland angereist war. Nach kurzer Zeit hatte er sein Kram im Apartment, dann ging es noch mal auf den Mequinenza-Stausee. Der Wind wehte mit ungeschwächter Stärke, zu zweit lag das kleine Boot tief im Wasser und kam kaum voran. An ein Durchkommen zu den besten Hot-Spots war nicht zu denken, der Driftsack konnte das Boot auch nicht bremsen. Vom verankerten Boot konnte ich immerhin noch ein 120cm Trostkätzchen erwischen, dann brachen wir den Tag vorzeitig ab und verfütterten die letzten Aale zwecks „Beweismittelvernichtung“ an die (Land-) Wildkatzen.

Tag 13: Zur Abwechslung auf Stachelritter

16.09.2006

 

(Ebro-Rekordfisch 2006)

 

Die Boot-Einlassstelle am Mequinenza- Stausee war immer noch durch tiefe Furchen unterbrochen, an ein Trailern unseres Bootes zum unteren See war nicht zu denken. Also beschlossen wir eine Tour mit Gummifisch zu unternehmen. Das Boot war etwas leichter, der Sturm jedoch gnadenlos wie die beiden Tage zuvor Das war eben der .

(Bodden-Gummis für den Ebro)

typische Drei-Tages-Wind dieser Gegend. In fünf Stunden hatten wir dann 4 Zander bis 73cm zusammen, die Waller ließen sich im Flachen nicht blicken.

 

 

(Auch den „Old-Bay-Klassiker“ aus Schweden hatten die Ebro-Zander zum Fressen gern)

 

Tag 14: Ein Tag ohne Angeln

17.09.2006

Der Wind ließ nach. Wir wollten endlich mit Pellets im Segre fischen, obwohl die Prognose aufgrund des kalten, lehmbraunen Wassers nicht verlockend ausfiel. Wir fanden eine Gruppe Angler im Camp Slowik, welche ein Boot am unteren See hatten und zum oberen wollten, also tauschten wir fix die Boote und hatten die schwierigste Hürde überwunden. Doch die Organisiererei kostete uns schließlich so viel Zeit, dass ein Ausbringen der Montagen nicht mehr lohnte und wir den Abend auf dem Stadtfest verbrachten.

Tag 15: Für eine handvoll Pellets

18.09.2006

 

In Ruhe bauten wir unser Camp am Segre auf. Dann brachten wir mit dem Boot die Montagen auf dem Fluss aus und machten es uns am Ufer gemütlich. Außer uns waren auf

(Trübe Aussichten)

auf dieser Flussstrecke kaum Angler unterwegs, wir wurden ein wenig misstrauisch. Daher fütterten wir zunächst sparsam an. Ein Sack kostete immerhin stolze 60€ und sollte auf zwei Tage verteilt werden. Der Rest ist schnell erzählt. Bis 24Uhr nicht ein einziger Zupfer! Um den ganzen Krempel nicht wieder im Dunkeln abbauen zu müssen, holten wir die Montagen ein und schliefen am Angelplatz.

 

(Das Segre Camp)

 

Tag 16: Die Geschichten vom Ebro

19.09.2006

 

Vielleicht war das Wasser wirklich zu kalt, vielleicht füttertet wir zu wenig, vielleicht fehlten die andern Angler, die viel fütterten oder vielleicht waren wir einfach nur zu dämlich zum

Pelletfischen: Auch am zweiten Tag absolut nichts! Dafür sorgten die Geschichten vom Ebro umso mehr für Unterhaltung, die sich Oli und Frank austauschten: Von blutenden, Köderkarpfen klauenden tschechischen Köchen bewusstlos im Boot, von koksenden Engländern, von leichten Bardamen und der beginnenden Jagdsaison ab Oktober mit den spanischen Revolverhelden. Dann gab es da noch einen tragischen Vorfall eines heimtückischen Mordes an einem Waller, an welchem sie die Gemüter besonders erhitzten.

(Wo sind die Rekordwaller geblieben?)

Wenn es darum ging, eigene Moralvorstellungen zu den Themen „Muss mein Walli wieder schwimmen“ und „Schadet das Pelletangeln dem Wasser“ leidenschaftlich gegenüber der Mitwelt zu vertreten, dann hätte selbst der Papst neidisch werden können. Ich war stolz, mich in einem der besten Angelgewässer Europas unter ein internationales Specimen-Kader der Extraklasse mischen zu dürfen. Und natürlich gab es immer mehr Verbote. Ich musste an die Aal-Dealer denken. Würden nächstes Jahr die Razzien verschärft, so würden bald auch die letzten Desperados vom Rio Ebro dem Sonnenuntergang entgegen schwimmen müssen. Gegenüber von uns sollte übrigens der „beste Angelplatz Europas“ liegen, das ganze Jahr über von einer englischen Anglertruppe besetzt und mit einer englischen Flagge auf einer Mauer gekennzeichnet. Vielleicht saßen wir dann ja am Zweitbesten. Wie dem auch sei, die Fische wussten es nicht. Wir schliefen wieder am Angelplatz und beschlossen, morgen keine Pellets mehr nachzukaufen.

 

Tag 17: Die Legende von Chiprana

20.09.2006

 

(Bootsverleih am Ebro Oberlauf)

wollten heute mit dem Auto eine Erkundungstour bis zum obersten Ebro-Wehr bei Escatron 120 Flusskilometer stromauf starten. Ab Caspe wurde der Wasserstand erschreckend niedrig, wie auf einem Nagelbett ragten die abgestorbenen Bäume aus dem Wasser. In Gedanken plante ich schon die nächsten Touren für 2007.Schließlich erreichten wir Chiprana und das Wehr bei Escatron. Insgesamt eine sehr aufschlussreiche Erkundungstour!

Eine weitere Erzählung besagte, ein Engländer habe an einem Tag bei Chiprana 110Waller gefangen. Sofort wurde gerechnet. 18Stunden erlaubte Maximalangelzeit, macht 9,8 Minuten pro Fisch. Der Mann wusste am Ende, was er getan hatte. Legende hin, Legende her, wir

(Das Wehr von Escatron)

 

(Die Legende von Chiprana liegt im Trockenen)

(Tieferes Wasser kurz unterhalb von Caspe)

(Bucht bei Mas de la Punta)

 

(Das Kloster bei Mas de in Punta)

 

 

(Zurück in Mequinenza: Einbetonierte Rutenhalter an der Promenade)

 

Tag 18: Kanu extrem

21.09.2006

 

(Schwing den Kopyto)

Für den letzten Tag war noch einmal eine sportliche Aktion geplant. Wir ließen uns von Oli mit dem Kanu bei Fraga aussetzen, etwa 20km stromauf von Mequinenza auf dem Rio Cinca. Mit Gummifisch wollten wir im nur metertiefen Wasser auf Wallerjagd gehen.  Und tatsächlich schnappte nach kurzer Zeit etwas nach Franks Köder,

doch leider vorbei. Ich warf einen kleineren Fisch an, er drehte beleidigt ab. Die Sonne erwärmte das Wasser etwas, die Fische schienen aktiver zu werden. Wir ließen keine verdächtige Stelle aus und hielten an, wenn wir zu schnell daran vorbei trieben. Köder aufschlagen lassen und möglichst viel Lärm machen. Nach einiger Zeit versuchte ich es mit einer tieferen Führung. Absinken lassen, anheben, absinken, anheben –Hänger. Der Widerstand setzte sich in Bewegung! Meine Rute mit 140gWurfgewicht bog sich zum Halbkreis und federte die dumpfen Schläge ab. Schnell drehte ich mich im Kanu um und hielt die Rute über das Heck. Frank schnappte nach dem nächsten Ast und zog das Boot in ruhigeres Wasser. Obwohl es hier nicht viel tiefer als einen Meter, war bekam ich meinen Gegner nicht zu Gesicht. Bei den kraftvollen Fluchten in die Strömung, in den Gumpen und unter das Boot zeigte sich meine Rute als äußerst stabil und ermüdete den Fisch Stück für Stück. Als er sich an der Oberfläche zeigte, kam der große Schädel zum Vorschein. Wenige Minuten später umgriffen meine Hände den Unterkiefer und zogen den Waller mit dem Kopf zwischen meine Beine in das kleine Boot. Der Schwanz hing noch irgendwo hinter mir im Wasser. Schnell anleinen und zum Ufer. Wir legten das Maßband an: 206cm! Das war die aufregendste Kanu-Erfahrung meines Lebens. Nach einer kurzen Foto-Session durfte das Kätzchen wieder in ihr Element zurück, und auch wir gingen beim nächsten Wehr in voller Montur baden.

 

(Monster-Cat im Würgegriff)

 

(Tourabschluss: 206er Waller)

 

 

 

Zum Glück hatten wir keine Verluste, die Ausrüstung war wieder gewaschen und die Gummis flogen erneut Richtung Ufer. Es gab noch einige heftige Attacken, doch alle weiteren Fische verfehlten unsere Köder. Bei der Mündung in den Segre trafen wir dann noch Uli Beyer mit seiner Frau, welcher gerade sein Ruderboot ins Wasser ließ. Wir machten uns jedoch auf den Heimweg und hatten noch ein gutes Stück zu paddeln. Im letzten Licht erreichten wir den Steg, gönnten uns eine warme Dusche und schlossen den Angeltrip mit einem Super-Grillen auf der Rancho ab, wo man noch so einige Bekannte wieder traf.

 

(Einmal gekentert ist halb geduscht!)

 

Die Abreise

18.09.2006

Schnell waren die Sachen gepackt, Oli ausgezahlt und die ersten Dinge für die Tour 2007 besprochen. Nach einem letzten Schnitzel bei „Josela“ hatte uns die Autobahn zurück. Ich würde ja bald wiederkommen!

Fazit

Insgesamt konnte ich 32 Waller überlisten, und das bei ganz entspannten durchschnittlichen acht Angelstunden pro Tag. Die Abenteuerlust kam auch nicht zu kurz, das abwechslungsreiche Programm, die tollen Menschen vor Ort, die unberührte Natur und die skurrilen Geschichten vom Ebro ließ jeden Tag zu einem unvergessliches Erlebnis werden. Ich wollte am liebsten alle Waller dieser Welt umarmen!

 

Ihr habt ein paar schöne Fotos gemacht?

Dann schreibt doch einen kleinen Bericht dazu.

Wir veröffentlichen gern auch eure Erlebnisse rund um die Fischwaid
 

Kontakt: info@angelmagazin.com
 

Das Dezember Magazin als PDF

 

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